Von Cluj nach Budapest, nicht so einfach

Ich sitze jetzt im Zug und freue mich – es ist eine ruhige Fahrt, anders als in dem rappeligen Bus und der Zug ist gut klimatisiert, sodass man von der Hitze draußen nicht viel merkt. Ein schöner nicht so alter Interregio, der als IC angegeben ist. Wie immer fährt der Zug ziemlich langsam, vielleicht 50 km in der Stunde. Das ist so hier in Ungarn und in Rumänien, deshalb dauert die Fahrt auch 7 Stunden.

In Cluj hatte ich fast drei Stunden vor der Abfahrt Zeit und habe die Umgebung ausgekundschaftet, Geld gewechselt, Essen und Trinken gekauft. Zu meiner Überraschung spricht mich ich in einem Cafe ein etwas verbraucht aussehender Mann mittleren Alters an. Sein Akzent hört sich an wie eine Mischung aus österreichisch und ostpreußisch. Es stellt sich heraus, dass er ein „Zipser“ ist, der seit 1983 in Deutschland  lebt und in Cluj Urlaub macht, wo seine Verwandten leben. Ursprünglich kommt er aus Rumänien, wo seine Vorfahren als Deutsche vor langer Zeit aus Oberösterreich eingewandert waren. Sie lebten in Oberwischau, rumänisch Viseau de Sus, etwa 100 km nordwestlich von Vatra Dornei, wo meine Vorfahren lebten. Mehr als 9 Jahre hatte er dort bei Borsa im Gold-Bergbau gearbeitet. Er meinte, dass die Deutschen in diesem Gebiet überwiegend Zipser waren und aus Oberösterreich kamen. Ich bin sehr dankbar für dieses Treffen und bin mir sicher, dass Gott es für mich arangiert hat. Denn ich werde einmal mehr bestätigt, dass mein Ur-Ur-Urgroßvater wirklich aus der Steiermark in Österreich kam und in der Blütezeit der ungarisch- österreichischen Monarchie hier eingewandert war. Gut vorbereitet und ein wenig beglückt durch diese Begegnung war ich in den Zug eingestiegen.

Es ist strahlendes sonniges Wetter, schon um 10 Uhr an die 30 Grad. Verschiedene Landschaften streifen an mir vorüber, sie sind malerisch schön. Immer wieder Laubwälder, die sich schon langsam bräunlich färben, wegen der hohen Temperaturen der letzten Zeit. Sie wechseln sich ab mit großen Wiesen, Feldern und sanften Hügeln, auf denen auch Schafe und Pferde zu sehen sind. Am Horizont erscheinen  bald die nahegelegenen Berge von Vládeasa, die immerhin fast 1900 m hoch sind, wir kommen ihnen immer näher, sie sind malerisch schön. Zigeuner haben zwischen der Bahnlinie und den Bergen hier und da riesige Prunkpaläste gebaut, seltsam anzusehen. Entlang der Bahnstrecke, zwischen den hohen Bergrücken und den Gleisen schlängelt sich ein Fluss, der in Richtung Oradea fließt, wo die Bahn auch hinfährt. Je näher wir der Großstadt kommen, desto flacher wird das Land, wir sind kurz vor Ungarn. Die Landschaft wird langsam Puszta- ähnlich, eine flache Graslandschaft mit wenig Bäumen, vielen Büschen und einem weiten Horizont.#

Ich freue mich, habe eine Tisch und vier Plätze für mich allein und außerdem Strom, wo ich meine diversen Sachen aufladen kann. Nachdem ich alles schön ausgebreitet hatte und auch einiges geschrieben hatte, komme ich in Verlegenheit. Der Zug bleibt nämlich am nächsten Bahnhof stehen und alle müssen aussteigen. Voller Hast klaube ich alle meine Sachen zusammen, beinahe vergesse ich noch etwas. Was ist los – denke ich. Wir müssen alle in zwei Busse umsteigen, weil die Schienen der Bahnstrecke nicht in Ordnung sind. Es hat ca. 40 Grad schätze ich, eine Bullenhitze, wir schwitzen was das Zeug hält und quetschen uns in den Bus. Derselbe fährt los, bis zum übernächsten Bahnhof, ca. eine Stunde, wo wir wieder in einen anderen Zug steigen.

Wieder finde ich genauso einen Tisch mit vier freien Plätzen vor und etwa dieselben Leute an dem Platz neben mir. Preis den Herrn, Gott sei Dank, es geht vollklimatisiert weiter in Richtung Budapest, wo wir in etwa eineinhalb Stunden ankommen werden, wenn alles gut geht. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass wir umgeleitet wurden und eine komplett neue Strecke gefahren sind. Das heißt im Klartext: 3 Stunden Verspätung. Jetzt ist gleich 19 Uhr und wir sind noch nicht da. Ein langer Tag, wie der gestrige und die Nacht.

Irgendwie ist meine Stimmung gedrückt, da ich einen anderen Plan hatte und noch in Budapest eine Zeit am Nachmittag verbringen wollte, das geht jetzt nicht mehr, es wird spät. Ich bin jetzt tatsächlich von Sonnenuntergang in Moldawien bis zum Sonnenuntergang in Ungarn unterwegs. Ganz schön lang. Aber egal, Gott hat alles in der Hand und weiß, was am besten ist. In dem „Umleitungsbus“ konnte ich mich 1 Stunde lang mit einem Deutschen Ingenieur unterhalten, der an dem was ich mache sehr interessiert war. Ich konnte ein gutes Zeugnis geben und ihm gute Dinge mitgeben.

Am Bahnhof in Budapest brauch ich zuerst einen Stadtplan und muss Geld wechseln, dann geht es weiter, auf die Suche nach meinem Quartier. Das Flugzeug geht ja erst morgen Vormittag, also keine Panik.

Wenn die Hinfahrt so lange dauert ist es irgendwie kein Problem, wenn es aber die Heimfahrt ist, dann sieht es schon anders aus. Ich lerne daraus wirklich alles in Gottes Hände zu legen und meine eigenen Pläne an Gott abzugeben. Ich erinnere mich an die Zeit, als die Staubwolke von dem isländischen Vulkan dafür gesorgt hatte, dass viele Flüge gecancelt wurden. Damals war ich auch in Cluj und musste dann mit Georg nach Ungarn fahren, weil es keine andere Transportmöglichkeit gab.

Die Stimmung im Zug ist jetzt ziemlich gedrückt. Leute fächeln mit Heften und Büchern, um mehr Frischluft zu haben, einige spielen verkrampft ständig an ihrem Mobiltelefon oder versuchen zu lesen. Und der Zug bewegt schon wieder mal nicht vorwärts, auf irgendeinen Gegenverkehr wartet er wohl. Es kommt eine Durchsage – ich verstehe von den Ungarn nur, dass wir warten sollen. Jetzt wird meine Geduld wirklich auf die Probe gestellt, und ich werde herausgefordert wirklich alles los zu lassen und in Gottes Hände zu geben.

Die ungarischen Bahngleise scheinen in einem sehr maroden Zustand zu sein. Unterwegs waren auch immer wieder große Mengen von aufeinander gestapelten Bahnschwellen zu sehen und große Haufen von frischen Schottersteinen. Überhaupt scheint sich in Ungarn in den letzten Jahren nicht viel bewegt zu haben, auch die Straßen und die Häuser sind in einem schlechten Zustand. Ganz im Gegensatz zu Rumänien, wo die Straßen, die Bahn und die Häuser besser werden. Durch die Zugehörigkeit zu Europa ist das Land im Aufschwung. Jedenfalls weiß ich jetzt Bescheid und werde so schnelle keine Bahnfahrt mehr Rumänien nach Ungarn und umgekehrt unternehmen. Auf die Busse in Rumänien ist aber Verlass, das muss ich sagen. Große und kleine Busse, Minibusse und Reisebusse in großen Mengen, die dich überall hinbringen – und die Preise sind sehr gut.

Jetzt geht es endlich weiter, es kann eigentlich nicht mehr weit sein. So oder ähnlich muss sich das wohl anfühlen, wenn man mit der Transsibirischen Eisenbahn tagelang unterwegs ist, mit dem Unterschied, dass man sich auf die lange Reise vorher genau eingestellt hat.  Aaaah, das Gleisnetz verdichtet sich, wir sind wohl schon in der Nähe des Bahnhofs von Budapest. Gott sei Dank. Und die Sonne geht langsam unter.

~ von risced - 24/08/2012.

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